So nicht mit uns! So nicht ohne uns!

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So nicht mit uns! So nicht ohne uns!

Die Stimmung in den Kollegien an unseren Schulen ist so schlecht wie noch nie! In zahlreichen Telefonaten und auch in persönlichen Gesprächen klagen Sie uns Ihr Leid und berichten uns, wie es vor Ort aussieht. Schon in meiner Rede zum Auftakt des Mülheimer Kongresses 2011 wies ich darauf hin, dass unsere Expertenmeinung als Lehrkraft bei einer Veränderung der Schullandschaft in Nordrhein-Westfalen nicht gefragt sei. So war meine Wahrnehmung bei den Anhörungen im Landtag zur Sekundarschule und zum Schulfrieden. Das hat sich jetzt auch für Sie schmerzlich bewahrheitet.


Nur das ausführende Organ?

Während andernorts in unserer Gesellschaft Experten befragt werden, mit einbezogen werden in Umstrukturierungen von Firmen, hinzugezogen werden, um einen ‘Laden’ wieder flott zu bekommen, ausgeliehen werden, um Tochterfirmen ‘anzukurbeln’, lässt man unsere Exzellenz außen vor. Wir spielen im Beraterkreis der Kommunen, der Bezirksregierungen und des MSW keine Rolle. Wer sind wir denn auch, dass wir unsere Stimme erheben?! Etwa mehr als nur das ausführende Organ?


Wohl kaum! Es sei denn, wir applaudieren und jubeln den Machern des neuen Schulsystems zu. Anders ist schlecht!

Das führt landesweit dazu, dass der Maulkorb erneut verhängt wird. Lehrerinnen und Lehrer unterliegen disziplinarischen und dienstrechtlichen Schritten der Schulaufsicht, die zurzeit ganze Kollegien und sogar Schulleitungen einschüchtern (sollen), sofern diese sich aktiv für den Erhalt ihrer Schulform einsetzen (wollen). Allein das Kopieren entsprechender Infoblätter steht unter Strafankündigung! Und ich übertreibe leider nicht! Unsere Rechtsabteilung weiß ein Lied davon zu singen.

Dabei sind Mitarbeiten und Mitdenken jedoch äußerst erwünscht, allerdings nur in die Richtung, die auch die Kommune möchte – und die will im Zweifel anders als wir – weil sie es nicht besser versteht.

Macht man sich dann endlich doch Gedanken im Kollegium über ein künftiges Konzept, wird es im besten Fall noch vor der vierten oder fünften Sitzung der Planungsgruppe von der zuständigen Bezirksregierung als falsch bewertet, korrigiert und mit dem Hinweis vom Tisch gewischt, das sei ja ganz schön und gut, wir machten es jedoch besser gleich so wie die Gesamtschulen.

Auf einen Nenner gebracht, fasse ich es für das ganze Land einmal zusammen: Wir haben zwar einen Schulfrieden und Schulkonsens, der alle am Tisch zusammenbringen und beteiligen soll. Doch das hat nur Alibicharakter – denn am Ende kommt immer nur Gesamtschule raus, egal ob wir noch Sekundarschule für die Übergangszeit sagen oder nicht. Die Sekundarschule ist dann eine Gesamtschule ohne Oberstufe – aber auch nichts anderes.

Allein die Zahlen im Bezirk Arnsberg beweisen das: Von achtzehn Sekundarschulen, die zurzeit im Genehmigungsverfahren sind, hat sich lediglich eine für die kooperative Form entschieden. Das finden Sie seltsam? Ich nicht! Die Vertreter der Einheitsschule haben die Sekundarschule von Anfang an als weitere integrierte Schulform angesehen, deshalb ist sie ja auch dem Gesamtschulkapitel zugesprochen worden. Dort werden die Eckpfeiler des künftigen Schulsystems in Nordrhein-Westfalen zurzeit gesetzt. Ohne uns! Nur zuschauen und applaudieren ist erlaubt!


Die Hauptschulen verschwinden – die Realschulen auch

Und damit verschwinden nicht nur die Hauptschulen aus der Schullandschaft, sondern mit jeder Gründung einer Sekundarschule auch die Realschulen. Und das ohne Ankündigung, ohne großes Veto, ohne dass es überhaupt jemand außer uns Betroffenen merkt. Die Eltern des dritten und vierten Grundschuljahrs werden mit einer Musterabfrage des MSW auf eine solche Art und Weise gefragt, die eine Mehrheit für die Bildung einer Sekundarschule herstellt, ob man will oder nicht. Den Eltern ist dabei in keiner Weise klar, dass die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten die Realschule in Zukunft vor Ort beseitigen können und werden. Dumm gelaufen.

Gleichzeitig werden die bestehenden Realschulen benachteiligt. Sie werden seitens des MSW überhaupt nicht weiterentwickelt, jeder Ansatz eines solchen Ansinnens wird im Keim erstickt, beispielsweise durch Demotivation. Wer am Modellversuch des Fachs Wirtschaft teilnimmt, weiß das. Den Betroffenen wurde auch durch das MSW klar vermittelt, dass das Fach nach dem Modellversuch auf keinen Fall als originäres Fach in den Fächerkanon aufgenommen werden soll. Das motiviert total bei der weiteren Arbeit!

Gelder zum Ausbau des Ganztags werden den Realschulen nicht mehr in der bisherigen Höhe zur Verfügung gestellt. Mit der Absenkung der Klassenfrequenzen hat man im Grundschulbereich begonnen, selbst der Haushalt 2012 zeigt keinerlei Ansatz einer Zuwendung für die Realschulen. Für das Versprechen, auch für den Realschulbereich die Klassenfrequenz abzusenken, heißt das: Was schert mich mein Geschwätz von gestern! Im Gegenteil: Die Minderstellen im Realschulkapitel bleiben im Gesamtsystem, kommen jedoch nicht den Realschulen, sondern unter anderem den Grundschulen zugute!

Und die bestehenden Realschulen laufen derweil auf Grund oder auch auf Felsen, wenn Sie so wollen. Nach einer Rundverfügung im vorletzten Amtsblatt können die Anmeldeverfahren an Gesamtschulen (wie bisher) und an Sekundarschulen vorgezogen werden, wenn prognostiziert wird, dass mehr Anmeldungen zustande kommen als befriedigt werden können. Manche Kommunen haben den Realschulen bereits mitgeteilt, dass sie auf Platz drei der Anmeldeverfahren in der Kommune gelandet sind. Sie rufen laut um Hilfe – ungehört, außer von uns.


Kritiker werden mundtot gemacht

Auch die außerschulischen Berater sind Vertreter integrierter Systeme – bisher ausnahmslos! Sie tingeln durch die Lande und vergewissern sich, dass wir uns noch alle im Konsens befinden, an einem Strang ziehen, doch bitte keinen ausgrenzen wollen und alle ins Boot holen möchten. Sie suggerieren Einheit, wo keine ist, wo keine mehr sein kann, weil die Vertreter differenzierter Systeme mundtot gemacht werden.

Und so ist die Stimmung schlecht an Realschulen in unserem Land. Jeder verlässt irgendwie das sinkende Schiff. Der eine geht in den Vorruhestand, in die Altersteilzeit, ans Gymnasium oder ins Private. Wir ziehen dabei alle an einem Strang – aber jeder am eigenen.

Solidarität wird klein geschrieben – Kollegialität wird individuell gehandhabt. Klar, auch wir Kollegen brauchen individuelle Förderung. Und wir denken zurzeit fast ausnahmslos an uns selbst – denn es tut sonst keiner. Wir waren und sind die Stiefkinder unserer Gesellschaft.

Und wenn wir die Hoffnung hatten, jetzt würde das Ministerium endlich einmal neue, andere Saiten aufziehen, wurden wir getäuscht, vielleicht auch durch uns selbst. Dennoch gilt immer noch der Satz: Nur gemeinsam sind wir stark!

Auf dem Neujahrsempfang der CDU habe ich das, was ich Ihnen heute schreibe, vehement in das Ohr der Obersten aller Obersten geblasen – laut und unüberhörbar.

Die FDP hat von sich aus nach uns gefragt – und gleichlautende Antworten bekommen. Wir bleiben dran. Wir wehren uns. Wir hatten und haben die Hoffnung, die tradierten Werte unserer bewährten Realschule in die neue Schullandschaft hinüber zu retten. Diese Hoffnung stirbt zuletzt. Sie wissen, dass wir sehr streitbar und kriegerisch sein können, wenn es nottut. Und es ist soweit!


Wir wehren uns!

Wir müssen Attacke reiten! Wir dürfen den angeblichen Schulfrieden nicht zu einer Mogelpackung verkommen lassen! Diese schleichende Veränderung bestärkt mich in der Auffassung: kein gutes und nachhaltiges Ergebnis von ‘Gegnern in der Sache’ ohne klare Streitkultur! Heißt auch: Keinen Konsens um jeden Preis! Einer wird sonst immer über den Tisch gezogen! Nur auf Augenhöhe kann zwischen Andersdenkenden erfolgreich verhandelt werden. Also wehren wir uns – gemeinsam. Auch bei Ihnen vor Ort! Bleiben Sie zusammen! Treten Sie Auflösungstendenzen im Kollegium deutlich entgegen! Lassen Sie sich nicht in alle Winde zerstreuen! Es kommt jetzt auch auf Sie an! Sie steuern das Schiff mit!

Es soll ja in jüngster Zeit Kapitäne geben, die verlassen ein Schiff, wenn es unterzugehen droht, als Erste. Diese Befürchtung brauchen Sie mit Blick auf mich als Vorsitzende von lehrer nrw nicht zu teilen: Ich werde nicht nur an Bord bleiben, sondern Sie an Ihrer Schule besuchen, wenn Sie es wünschen. Ein Anruf wegen einer Terminabsprache genügt – wir kommen und stehen mit Rat und, sofern es in unserer Macht steht, mit Tat zur Seite.

Jemanden an der Seite zu wissen, der gut vernetzt ist und über ‘heiße Drähte’ verfügt, die manchmal helfen können, ist sicherlich von Vorteil. Nutzen Sie mein Angebot! Die Kommandobrücke unseres Verbandes bleibt besetzt – tun Sie das Ihre!


Brigitte Balbach