Einheitsschule durch die Hintertür

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Aktuelle Entwicklung um die Sekundarschulen zeigt bedenkliches Bild.

Vor einer Einheitsschule durch die Hintertür warnt lehrer nrw. „Die aktuelle Entwicklung um die neuen Sekundarschulen macht uns große Sorgen“, mahnt Brigitte Balbach, Vorsitzende von lehrer nrw. Die Städte und Gemeinden, die die Sekundarschule beantragen, entscheiden sich überwiegend für die integrierte Variante, in der auch nach den Klassen 5 und 6 weiter gemeinsam gelernt wird. Die Kommunen tun das nicht, weil sie von den pädagogischen Vorzügen dieser Variante gegenüber dem kooperativen Weg (differenzierter Unterricht nach den Klassen 5 und 6) überzeugt wären, sondern weil sie unter anderem durch das Gemeindefinanzierungsgesetz handfeste finanzielle Vorteile haben. Denn noch gibt es laut GFG für integriert arbeitende Schulen signifikant mehr Geld als für differenzierte Systeme. Zudem sind viele Kommunen offenbar der Ansicht, das integrierte System in der Sekundarschule sei der Öffentlichkeit einfacher zu vermitteln. „Und so werden reihenweise hervorragend funktionierende Realschulen ohne triftige Sachgrundlage geschlossen“, kritisiert Balbach.


Offensichtlich ist auch, dass die Bezirksregierungen die neuen Sekundarschulen vehement bewerben – und den Kommunen in ihrer Beratungsfunktion vor allem die integrierte Variante wärmstens ans Herz legen. Bei den Elternbefragungen in den Kommunen wird meist nur der Wunsch nach einer Sekundarschule abgefragt. Andere Schulformen kommen gar nicht mehr vor. Auch das weiterhin übliche Unwesen des vorgezogenen Anmeldebeginns für einzelne, politisch gewünschte Schulformen führt zu einer Wettbewerbsverzerrung. Bisher profitierten davon vor allem Gesamtschulen, nun werden es Sekundarschulen sein.


Parallel bluten bestehende Hauptschulen und Realschulen aus, weil sie keinerlei Ressourcen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten mehr erhalten. Das Lavieren von Schulministerin Sylvia Löhrmann in der Frage der Fortsetzung des Modellversuchs „Wirtschaft an Realschulen“ ist da nur ein Beispiel. „Aus einzelnen Realschulen wird uns berichtet, dass Finanzmittel für den Ganztagsausbau in Realschulen, etwa zur Errichtung von Mensen, gestrichen wurden. Auf unsere Nachfrage im Schulministerium äußerte man sich ausweichend“, so Balbach. Darüber hinaus werden Schulleiter, die mit ihren Realschulen um den Erhalt kämpfen, vom Schulträger oder auch von der zuständigen Bezirksregierung unter Androhung disziplinarischer Konsequenzen zum Stillschweigen verdonnert. „Die Summe der genannten Faktoren ergibt ein bedenkliches Bild. Es wird deutlich, dass insbesondere die CDU darauf achten sollte, ob der Geist des gemeinsam mit SPD und Grünen ausgehandelten Schulfriedens noch erkennbar ist“, erklärt Balbach. „Die CDU hat sich dafür stark gemacht, die Werte und Errungenschaften der Realschulen mit in die neue Sekundarschule zu nehmen. Wenn es so weitergeht, wird von Neigungsdifferenzierung oder überhaupt einer Differenzierung nach Leistungsvermögen aber nicht mehr viel übrig bleiben. Das gilt übrigens auch für die von der CDU maßgeblich durchgesetzte Verfassungsgarantie für ein vielfältiges Schulsystem. Die Qualität, die die Realschulen im Land bisher vorhalten konnten, geht verloren. Das ist ein herber Schlag für das Schulsystem in NRW insgesamt.“


Jenseits dieser grundsätzlichen Kritik gibt es auch noch jede Menge handwerkliche Probleme. Die Rahmenbedingungen für die Lehrkräfte an den neuen Sekundarschulen und den auslaufenden Realschulen und Hauptschulen sind völlig unklar. Wie zum Beispiel Versetzungen oder die Besetzung der Schulleiterpositionen geregelt werden, weiß vor Ort noch niemand. „Nicht nur deswegen herrscht große Verunsicherung an der Basis“, betont Balbach.


Das zeigt sich auch in den zahlreichen Rückmeldungen, die besorgte Lehrkräfte über die von lehrer nrw online gestellte Website www.sekundarschule-in-nrw.de gegeben haben. Dies ist ein Forum für Kolleginnen und Kollegen, die Sorgen, Kritik und Anregungen zu der neuen Schulform äußern und ihr Mitspracherecht einfordern möchten. Die Aussagen werden von lehrer nrw gesammelt und den im Landtag vertretenen Parteien zugesandt. „Auf die Antworten sind wir gespannt“, so Balbach.


21.12.2011

Jochen Smets, Pressesprecher


Über „lehrer nrw“:

„lehrer nrw“ ist aus dem traditionsreichen Realschullehrerverband NRW hervorgegangen. lehrer nrw vertritt die Interessen der Lehrkräfte im Sekundarbereich, insbesondere an den über 550 Realschulen und den rund 670 Hauptschulen in NRW. Unter dem Dach des Deutschen Beamtenbundes (DBB) tritt lehrer nrw für ein vielgliedriges Schulsystem in öffentlicher und privater Trägerschaft ein

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