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Die Stunde der BildungsentsorgerInnen

Gastkommentar von Gudrun Pennitz zum Aufsatz „Kosinussatz streichen! Lyrik verkürzen!“: Das nächste Schuljahr kann nur gelingen, wenn die Lehrpläne abgespeckt werden" (News4Teacher. 7. Juni 2020)

Gastkommentar von Gudrun Pennitz zum Aufsatz „Kosinussatz streichen! Lyrik verkürzen!“(News4Teacher, 7. Juni 2020)

Während das „Corona-Semester“ hierzulande mehr oder weniger erfolgreich zu Ende gebracht wird, taucht am schulischen Horizont ein zarter Hoffnungsschimmer auf. Ab Herbst, so wünschen es sich sicher nicht nur wir LehrerInnen, möge ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag wieder Einzug halten an den Schulen. In Deutschland glauben währenddessen altbekannte BildungsentsorgerInnen, ihre Stunde sei gekommen. Sie nützen die Sorge um den Schulerfolg der Schwächeren im nächsten Jahr als Deckmäntelchen, um den Bildungsinhalten an den Kragen zu gehen. Eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammengestellte „Expertenkommission“ kommt nämlich zu dem Schluss, dass „das übliche Stoffpensum“ im nächsten Schuljahr sicher nicht behandelt werden könne. Die Schule müsse sich auf ihre „Kernaufgaben“ konzentrieren und Lehrpläne verschlanken. Ideen, welche Stoffbereiche als verzichtbar gelten, werden gleich mitgeliefert: „beispielsweise Lyrik im Fach Deutsch.“ Bildungsinhalte als Gerümpel, Lehrpläne, die entrümpelt werden müssen. An solche Zumutungen erinnern wir österreichischen LehrerInnen uns noch allzu gut.

Klassenarbeiten oder Tests müssten ebenfalls reduziert werden. Auch die Bedeutung von Noten für Übergangsentscheidungen sei zu überdenken. Und natürlich sollte vor diesem Hintergrund auf das klassische Sitzenbleiben verzichtet werden. (1)

Bei all diesen leistungsfeindlichen Phantasien geht die Erkenntnis beinahe unter, auf welchen Stellenwert Bildungsinhalte nicht nur in Deutschlands Bildungswesen ohnehin schon reduziert wurden. Literatur erscheint manchen als ungeliebter Rest eines bürgerlichen Bildungsguts, der bei erster Gelegenheit endgültig entsorgt werden soll.

Der Artikel wurde auf Facebook übrigens mit folgendem bezeichnenden Kommentar einer Leserin versehen: „Richtig so! An 80 % der Dinge, die ich damals in der Schule gelernt habe, kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Man solle an den Schulen doch besser lehren, wie man einen Zahlschein ausfüllt.

Ich wünsche mir eine Herdenimmunität gegen dieses Virus der Geistlosigkeit!


(1) Siehe „Kosinussatz streichen! Lyrik verkürzen!“: Das nächste Schuljahr kann nur gelingen, wenn die Lehrpläne abgespeckt werden. In: www.news4teachers.de vom 7. Juni 2020.