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Fehlende pädagogische Verantwortung

Gastkommentar von Carl Bossard zum doppelten Fremdsprachenunterricht in der Primarschule, in: NZZ vom 10.12.2019

Gastkommentar von Carl Bossard, in: NZZ vom 10.12.2019

Bildung darf nicht herummodellieren und herumexperimentieren, ohne dass man die Folgen davon kennt. Und sie ist nicht mit ihrer permanenten Reform gleichzusetzen. Junge Menschen haben nur eine Bildungsbiografie. Das unterscheidet sie von industriellen Produktionsgütern. Mit Werkstücken kann man experimentieren; mit jungen Menschen geht das nicht. Genau das aber geschah in den letzten Jahren: Ein Wirbelwind an Reformen überzog die Schulen, vielfach ohne verantwortliches Wissen um die Folgen. Die konkreten Konsequenzen tragen die Lehrpersonen im Unterrichtsalltag. Zu den vielen Reformen gehört auch der doppelte Fremdsprachenunterricht in der Primarschule.

Ein Beispiel illustriert es: Die sechs Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Solothurn, Bern, Freiburg und Wallis unterrichten ab der dritten Klasse Französisch. Seit 2011 setzen sie das gemeinsame Lehrmittel «Mille feuilles» ein. Es ist Teil des 50 Millionen teuren Fremdsprachenkonzepts «Passepartout»Das didaktische Prinzip: Die Schülerinnen und Schüler sollen die neue Sprache möglichst oft hören und so in ein «Sprachbad» eintauchen. Sie probieren die Sprache spielerisch aus. Im Direktkontakt mit französischen Texten und Sachthemen erlernen die Kinder den Wortschatz und die Grammatik – sozusagen en passant. Auf den systematischen Aufbau grammatikalischer Strukturen wird im Lehrmittel bewusst verzichtet; das Konjugieren der Verben «être» und «avoir» beispielsweise kommt nicht vor.

Bald schon tauchten Kritik und Klagen auf. «Manche Kinder können nach drei Jahren Französisch praktisch keinen französischen Satz sagen», tönte es von Lehrerseite. Viele rügten das Konzept. Als Folge verzichtete der Kanton Bern 2017 bei den Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium aufs gezielte Prüfen grammatikalischer Kenntnisse: Wahrnehmen der Verantwortung durch Reduktion der Ansprüche und der notwendigen Lernbedingung für alle, die einen analytischen Sprachzugang haben.

Doch die Verantwortlichen von «Mille feuilles» beschwichtigten. In schönster Selbstgewissheit meinten sie, man solle zuerst «auf wissenschaftliche Ergebnisse warten, welche die Wirksamkeit dieser Didaktik nachweisen». Das geschah auch: Das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg evaluierte die Fremdsprachenkenntnisse der Schülerinnen und Schüler am Ende der Primarschule. Die Ergebnisse waren deprimierend: Nur knapp 11 Prozent erfüllten beim interaktiven Sprechen das Lernziel. Beim Leseverstehen waren es lediglich 33 Prozent, während beim Hörverstehen immerhin 57 Prozent ein positives Resultat erreichten.

Die verantwortlichen Bildungsbehörden im «Passepartout»Raum wollten die von der öffentlichen Hand finanzierte Studie schubladisieren und geheim halten. Doch das Hochschul-Institut weigerte sich. Schliesslich einigte man sich auf einen «silent rollout» und stellte die Studie gut versteckt ins Netz. Kaum jemand findet sie. Eine geplante Folgestudie wurde sistiert. Aus der Berner Erziehungsdirektion hiess es lakonisch, man befinde sich beim Frühfranzösisch auf dem richtigen Weg.

Da stellt sich schon die Frage: Wer zeichnet denn verantwortlich, wenn durch eine politisch gewollte und von vielen Bildungsauguren vorangetriebene Reform eine Art Zwei-Klassen-Ausbildungskonzept entsteht? Nur wer es ans Gymnasium schaffe, erhalte die nötigen Sprachkompetenzen, kritisierte ein passionierter Lehrer und fügte bei, beim Rest begnüge man sich im Französisch inzwischen mit ein paar wenigen Brocken.

Die alarmierenden Resultate weisen auf ein tiefes Malaise hin. «Verantwortung» hat mit «Antworten» zu tun. Verantwortung übernehmen heisst immer auch Antwort geben als Reaktion auf eine Situation. Wer wegschaut, stiehlt sich aus der Verantwortung. Die Leidtragenden in der Pädagogik sind die Kinder und Jugendlichen. Mit ihnen zu experimentieren, zeugt von wenig Verantwortungsbewusstsein. Denn junge Menschen haben, wie gesagt, nur eine Bildungsbiografie.

Carl Bossard ist ehemaliger Gymnasialrektor und hat als Gründungsrektor die Pädagogische Hochschule Zug (PH Zug) aufgebaut.


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