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Lehrer ohne Eigenschaften?

Lehrer dürfen kaum mehr erklären, kaum mehr vital präsent sein; so will es die Theorie. Wer Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ liest, dem drängen sich irritierende Fragen auf.

Lehrer dürfen kaum mehr erklären, kaum mehr vital präsent sein; so will es die Theorie. Wer Musils Roman „Mann ohne Eigenschaften“ liest, dem drängen sich irritierende Fragen auf. Von Carl Bossard.

Neue Leitsterne sind am Pädagogenhimmel aufgetaucht: flexibel und innovativ lauten zwei Stichworte; coachend müsse der Lehrer sein und selbstorientiert das Lernen der Kinder, moniert man mantramässig. Kritisch befragt oder reflektiert und auf ihre Effektwerte überprüft werden sie darum kaum, diese Glaubenssätze, nur nachgebetet. Verfallenheit an das Man äussere sich im „Gerede“, bemerkte der Schweizer Literat Peter von Matt einmal träf.(1) Dabei legt uns das Aufklärungsvertrauen anderes nahe.

Die Sprache spiegelt das Bewusstsein

Sprache ist nicht nur Ausdrucksmittel. Sprache spiegelt das gesellschaftliche Bewusstsein. Eine wahre Fundgrube bewusstseinsverändernder Wortkreationen bietet die aktuelle Schuldidaktik: Aus Lehrerinnen werden Lernbegleiterinnen, aus Schülern Lernpartner, aus Unterricht wird autonomes Lernen im Flipped Classroom, aus dem gemeinsamen Lehrgespräch und dialogischen Beziehungsgeschehen selbstgesteuertes Arbeiten, aus Erziehung Coaching. Wissen, Können und Haltungen werden auf Kompetenzen reduziert, aus Bildung messbare Tests, aus Schule Ziffern und Zahlen, zitiert in üppigen Statistiken.(2) Pädagogen und Bildungswissenschaftler verwandeln sich in empirische Bildungsforscher. Das alles klingt besser. Keine Frage.

Wer das pädagogische Geschehen betrachtet und dabei die exponentielle Zunahme der Bildungsbürokratie beobachtet, ist unweigerlich an einen der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts erinnert, an Robert Musils Epochen- und Gesellschaftsanalyse „Mann ohne Eigenschaften“.

Bürokratie über alles

Wir schreiben das Jahr 1913. In Musils Hauptwerk wollen die Protagonisten 1918 eine „Parallelaktion“ ins Leben rufen: 70 Jahre Regentschaft des österreichisch-ungarischen Monarchen Franz Joseph in Wien und 30 Jahre Kaiser Wilhelm II. in Berlin. Das Doppeljubiläum soll eine grosse, ja grandiose „weltösterreichische“ Sache werden, bei der das kleine Österreich es dem grossen Deutschland und damit auch Preussen mal zeigen will, was es alles so kann. Was genau allerdings diese Sache werden soll, bleibt stets vage und unklar: Eine Friedenskonferenz? Ein Friedrich Nietzsche-Jahr? Ein österreichisches Jahr? Die eine und leitende symbolfähige Idee fehlt.

Stattdessen werden Gruppen, Zirkel, Ausschüsse, Unterausschüsse, Nebenausschüsse, leitende Ausschüsse der Ausschüsse gegründet. Sie halten massenhaft Sitzungen ab, prüfen Eingaben und schubladisieren sie, halten neue Treffen ab, verifizieren wiederum Eingaben und archivieren sie. So setzen die Protagonisten eine Riesenadministration in Gang; sie führt zu nichts: „Statt Handlungen gab es nur Abhandlungen“. Entscheide fallen keine. Dafür stapeln sich die abgelegten Eingaben, schön ordentlich sortiert nach den Merkmalen: „Assortiert“, das muss noch entschieden werden; „vorläufig definitiv“ ist auch noch nicht fix usw. Die Bürokratie wuchert und wächst und genügt sich selber. Alles so ganz ohne Eigenschaft(en).

Die unpersönliche Logik der Systeme

Held in Musils Roman ist der 32-jährige Ulrich, ein Mann ohne Eigenschaften. Der Sekretär des Planungskomitees „Parallelaktion“ glaubt nicht an den Charakter als Schlüssel zum Verständnis der Dinge; er vertraut der unpersönlichen Logik der Systeme.

Bürokratische Leerlaufmonster und unkritischer Systemglaube damals. Die Analogien zu heute sind nicht weit. Wer an das Projekt Lehrplan 21 denkt, wird schnell fündig. Ähnliches erlebt, wer heutige Inspektoren-Berichte liest. Schulen werden alle drei bis vier Jahre als Systemganzes von externen Evaluatoren-Teams überprüft und bewertet – dies während mehrerer Tage. Minuziös kontrolliert wird das Einhalten von Vorschriften und Vorgaben, akribisch begutachtet die Existenz von Plänen und Papieren. Die einzelne Lehrperson interessiert kaum – ebenso wenig das Geschehen im Klassenzimmer. Die Evaluatoren „hörten kaum zu. Stattdessen stürzten sie sich […] auf die Schülerberichte und Schülerarbeiten, die ich aufgelegt hatte. Während der ganzen Lektion schrieben sie wie besessen ab und achteten überhaupt nicht auf meinem Unterricht. Als wir am Schluss ein Spiel machten, lud ich sie ein mitzuspielen. Doch sie lehnten dankend ab und verabschiedeten sich.“ So erlebte ein erfahrener Lehrer die Evaluation. Er war zutiefst frustriert.

Feedback als Differenz zwischen Sein und Sollen

Zurückgekoppelt werden Feedbacksätze wie: „Ein abgesprochener und über die Stufen hinweg aufbauender Prozess zur Förderung der Lern- und Selbstreflexionskompetenz ist anzustreben und mit passenden Instrumenten zu ergänzen. Dadurch würden die Lernenden in ihrer Kompetenzförderung gezielt gefördert [sic!] und unterstützt.“ Belangloser Wortschwulst, Leerlauf statt Inhalte. Weder Schulleitung noch Lehrpersonen können mit solchen hohlen Parolen etwas anfangen. Hilfreich wäre ein Feedback, das die Differenz zwischen Sein und Sollen analysiert.

Zwei Beispiele. Sie mögen willkürlich sein; sie sind aber symptomatisch. Als konkrete Einzelfälle zeigen sie die unpersönliche Logik des Systems.

Pädagogisches Wirken kommt aus der Person, nicht aus Kompetenzen

Logisch und konsequent ist auch das leise Verschwinden der Lehrerpersönlichkeit. Das Wort ist aus den Pädagogischen Hochschulen ausgewandert. Im Ausbildungsmodell professioneller Handlungskompetenz CAOCTIV (3) kommt die Person in ihrer ganzen geheimnisvollen Dimension nicht mehr vor. Nur verschiedene Kompetenzbereiche und zahlreiche Kompetenzfacetten.

Die Lehrerin, ein Cocktail von Kompetenzen, der Lehrer als Inhaber eines Kompetenzen-Portfolios?, fragt der Philosoph Ludwig Hasler vieldeutig.(4) Natürlich muss ein Lehrer ganz viel können und professionell sein. Zweifelsohne. Doch selbst die modernste Applikation der multimedialen Methoden wirkt langweilig, wenn nicht eine engagierte Person dahintersteht. Wer zurückdenkt an seine eigene Schulzeit, weiss, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihrer Person wirken, mit ihrer Leidenschaft zur Sache, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem Humor, mit ihrem Ermutigen und geduldigen Erklären. So etwas kommt aus der glaubhaften, originellen Person, nicht aus Kompetenzen.

Pädagogen, nicht Coach

Lehrer als „Menschen mit Eigenschaften“ fordert darum der Arzt und Neurobiologe Joachim Bauer.(5) Doch wer genauer hinschaut, dem fällt eines auf: Heutigen Lehrern werden kaum noch Eigenschaften zugeordnet, die unternehmerische und persönliche, pädagogische und empathische Qualitäten betonen. Auch das engagierte Führen einer Klasse wird ungern thematisiert; Coaching ist kaum kompatibel mit mutigem „paid-agogein“, dem Führen von Kindern.

Moderne Lehrer werden, so die verkappte Intention der Bildungsbürokratie, durch detaillierte Lehrpläne und genormte Checks geleitet, degradiert zu Ausführenden von papierenen Programmen und engen operativen Vorgaben. Sie haben zudem, wie es der Zürcher Berufsauftrag vorsieht, ihre Arbeitszeiten exakt zu belegen, sofern es nicht den standardisierten Lektionsaufwand betrifft. Schulbürokratische Massnahmen dieser Art führen dazu, dass Lehrpersonen ihre persönliche Eigenart und Identität abstreifen. Doch „Menschen ohne Eigenschaften“ sind, so Bauer, die Totengräber jeglicher Bildung und Erziehung.(6)

Als Person vital auftreten

Darum müssten Bildungspolitik und Ausbildung neben den Kompetenzen auch die Persönlichkeit der Lehrperson betonen. Ausstrahlung entwickeln und eine pädagogische Vorbildfunktion erfüllen kann als Erwachsener nur, wer als Person vital auftritt, sich begeistern kann und so ein pädagogisches Feu sacré versprüht.

„Wenn sie von Formen und Zahlen sprach, glühten ihr die Wangen und funkelten ihr die Augen, wie wenn Kinder von Schokolade-Glace reden.“ (7) So erinnert sich eine Berufsfrau an ihre Primarlehrerin Dora L.; und noch Jahre später sieht sie ihre Augen, fühlt die Atmosphäre und spürt die Freude am Lernen. Dora L. wirkte als Person, als Lehrerin mit Eigenschaften. Ulrich dagegen, der „Mann ohne Eigenschaften“, taugt nicht fürs Klassenzimmer.


Fussnoten
1 Peter von Matt (1989), Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München: Carl Hanser Verlag, S. 259.
2 SKBF (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.
3 Kompetenzmodell von COACTIV: Jürgen Baumert & und Mareike Kunter (2011), Das Kompetenzmodell von COACTIV, in: Mareike Kunter, Jürgen Baumert, Werner Blum, Uta Klusmann, Stefan Kraus & Michael Neubrand (Hrsg.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 29-53). Münster: Waxmann.
4 Ludwig Hasler (2005), Die Erotik der Tapete. Verführung zum Denken. Frauenfeld: Verlag Huber, S. 70f.
5 Joachim Bauer (2007), Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, S. 27.
6 Ebda., S. 28.
7 Stephan Ellinger, Johannes Brunner (2015), Alp-Traumlehrer. Von flüchtigen Fledermäusen und multikulturellen Frohnaturen. Studierende erinnern sich. Teilheim: Gemma-Verlag, S. 75. Der Name ist fiktiv.

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