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Schule von der Krise her denken – zur Verschiebung des Pädagogischen ins Informatische

Es ist richtig, wenn die Verantwortlichen in der Bildungspolitik in der gegenwärtigen Situation einer grassierenden Pandemie das Recht auf Bildung betonen. Es ist auch richtig, wenn sie dieses Recht in Anbetracht bereits eingetretener und weiter zu erwartender (Teil-)Schließungen von Schulen durch den Einsatz digitaler Geräte und Infrastruktur und durch temporären Distanzunterricht sicher zu stellen versuchen. Es wäre hingegen ohne Zweifel falsch, wenn dabei die Orientierung am technischen Paradigma, am computational thinking weiter Oberhand gewinnt und ... Ein Beitrag von Burkard Chwalek

Es ist richtig, wenn die Verantwortlichen in der Bildungspolitik in der gegenwärtigen Situation einer grassierenden Pandemie das Recht auf Bildung betonen. Es ist auch richtig, wenn sie dieses Recht in Anbetracht bereits eingetretener und weiter zu erwartender (Teil-)Schließungen von Schulen durch den Einsatz digitaler Geräte und Infrastruktur und durch temporären Distanzunterricht sicher zu stellen versuchen. Es wäre hingegen ohne Zweifel falsch, wenn dabei die Orientierung am technischen Paradigma, am computational thinking weiter Oberhand gewinnt und dieses in der Krise das Denken über Schule zunehmend bestimmt und wesentliche ihrer Aufgaben dabei immer mehr aus dem Blick geraten. Denn zum einen werden bei dieser verengten Sicht Entwicklungen auch für die Schule der Zukunft in Gang gesetzt, hinter die es ein Zurück dann so leicht nicht geben wird, zum anderen korrespondiert mit der gesteigerten Nutzung digitaler Instrumente eine Verschiebung des Pädagogischen ins Informatische. Das kann man wollen, muss dann aber so ehrlich sein zu sagen, dass man sich damit vom bislang stets noch behaupteten Primat der Pädagogik verabschiedet. Voraussetzung dafür freilich ist, dass bei den bildungspolitisch Verantwortlichen hinreichend Kenntnis digitaler Systeme vorhanden ist, um die Problematik in all ihren Aspekten zu durchdringen.

Der Einsatz von Lehr-Lernplattformen (LLP) oder auch Lernmangementsystemen (LMS) ist geeignet, den oben angesprochenen Zusammenhang zu illustrieren. Zurückgegriffen wird dabei wegen ihrer häufigen Verwendung auf die LLP Moodle.

Unterricht, der mittels einer LLP wie Moodle erfolgt, geht mit dem Sammeln, Speichern, Verarbeiten, Distribuieren und Auswerten einer Fülle von Daten einher, die einzelnen Schüler*innen zugeordnet werden. Im Grunde werden sämtliche Aktivitäten erfasst und akribisch protokolliert. In Kürze entstehen so überlange Listen, randvoll mit Informationen: Name, Klasse, Schule, eingetragene und besuchte Kurse, eingenommene Rollen, Zugriffszeiten, Beteiligung in Kursen und Foren, Abgabe verlangter Leistungen, Fristüberschreitungen, Kursstatistiken – taggenau, stundengenau, minutengenau, sekundengenau. Zusammenfassend heißt es bei Moodletreff: „Moodle speichert also nicht nur munter alles, was ein Nutzer darin macht, es stellt auch die Werkzeuge zur Verfügung, mit denen diese Daten personenbezogenen ausgewertet werden können.“

(htts://www.moodletreff.de/course/view.php?id=346&section=4):

Nach dem Sinn solcher Sammelorgien fragend, gehen die Auskünfte i. W. in zwei Richtungen. Die Daten würden benötigt zur Verbesserung des Service (ob die Nutzer*innen diese Serviceleistung im Tausch gegen Datenberge, die sie zur Verfügung stellen, überhaupt wollen, spielt dabei keine Rolle, man wird schlicht nicht gefragt) und / oder zur Gewährleistung der Sicherheit, um Missbrauch zu verhindern oder diesen gegebenenfalls nachverfolgen zu können. Gedacht ist beispielweise an Fehlverhalten wie sprachliche Entgleisungen, möglicherweise Mobbing oder auch die Überprüfbarkeit erbrachter Leistungsnachweise. Sind sie tatsächlich hochgeladen und dgl.?

Man rechnet also mit Nutzer*innen, die sich potenziell der ihnen zur Verfügung gestellten Technik missbräuchlich bedienen. Kontrastiert man diesen Ansatz mit früheren Antworten auf mögliches Fehlverhalten von Schüler*innen, muss man konstatieren, dass hier keine lediglich graduelle Verlagerung, sondern eine tatsächliche kategoriale vorgenommen wurde. Um sich dies zu vergegenwärtigen, ist eine Übertragung ins „Analoge“ aufschluss- und hilfreich.

Die Basis des Miteinanders in der Schule ist das Vertrauen, dass alle am Schulleben Beteiligten sich gegenseitig mit Wohlwollen und Achtung begegnen und einander keinen Schaden zufügen. Bei Verstößen dagegen sieht etwa die Schulordnung in Rheinland-Pfalz Ordnungsmaßnahmen vor, die indes erst Anwendung finden, wenn andere erzieherische Maßnahmen wie Gespräch, Entschuldigung, Verpflichtung zur Wiedergutmachung u. ä. nicht zum Ziel geführt haben. Aber auch die Ordnungsmaßnahmen selbst müssen von erzieherischen Gesichtspunkten bestimmt sein (SchulO RLP 2018, §§ 95 – 98).

Spielen wir das an einem konstruierten Fall durch: In der Kommunikation unter Schüler*innen kommt es zu verbalen Entgleisungen, Beleidigungen; das persönliche Verhältnis unter einigen Schüler*innen ist beschädigt. Lehrkräfte werden hier im Sinn erzieherischer Maßnahmen das Gespräch suchen, die Gründe des Streites zu klären suchen usw. Möglicherweise lassen sich Missverständnisse aufklären, Aussagen können sich als unglücklich formuliert und nicht so gemeint, wie sie verstanden wurden, herausstellen. Die Aufarbeitung eines solchen Konfliktes gehört essentiell zum Entwicklungsprozess junger Menschen. Das Vorgehen ist von Pädagogik geleitet.

Übertragen wir das Szenario in die „digitalen“ Lernwelt einer LLP wie Moodle, dort in einen „sozialen“ Raum, ein „soziales“ Forum, wie die Kommunikationsplattformen genannt werden, in dem sich Schüler*innen austauschen. Der mögliche Verstoß soll von vornherein unterbunden werden, indem die Schüler*innen einwilligen müssen, all ihre Aktivitäten im Forum überwachen, protokollieren und dauerhaft speichern zu lassen, um konformes Verhalten zu garantieren. Die Möglichkeit, auch in einem Konflikt zu reifen, sich an Sperrigem abzuarbeiten, soll durch technische Vorabkontrolle kassiert werden. Pädagogik wird an Software abgetreten und somit suspendiert, was man offiziell noch für sich reklamiert.

Das Groteske einer Situation, an die man sich längst gewöhnt hat, kommt vollends zum Vorschein, wenn wir die „digitale“ Lernwelt, die Kommunikationssituation in einer LLP zurückübertragen in die „analoge“ Welt. Das sähe dann so aus: Wann und wo immer Schüler*innen miteinander kommunizieren, ob im Klassenzimmer, auf dem Gang, dem Pausenhof – man stellt ihnen Personen zur Seite, die sekundengenau auf Papier mitprotokollieren, wer, wann, wo (bzw. mit welchem Instrument) und mit wem kommuniziert (hat) und die die sich schnell anhäufenden Papierberge in Ordnern für lange Zeit archivieren. Gefragt, wozu die meterweise Regale füllenden Protokolle dienten, was man damit denn mache, würde die Antwort etwa so lauten müssen: Nichts, gar nichts, sie stünden im Archiv bis zum Erreichen der Löschfristen und würden dann geschreddert. Doch falls es – was eigentlich nicht sein könne, man habe ja Vorsorge getroffen – zu einer Verfehlung gekommen sei … .

Gelebt wird schließlich eine Kultur des Misstrauens, das habituell wird. Pädagogik wird ans Informatische „outgesourced“. Was in der Wirtschaft grandios gescheitert ist, soll nun in Schule triumphieren. Soll Schule hingegen ein von persönlichen Beziehungen geprägter Lern- und Lebensraum bleiben, müssen wir auch in der Krise der weiteren Verschiebung der Pädagogik ins Informatische entgegenearbeiten.

Dr. Burkard Chwalek