Qualitätsanalyse grundlegend reformieren

lehrer nrw: Qualitätsanalyse nach heutigem Muster ist realitätsfremd, bürokratisch und inhaltlich bedenklich.

„Qualitätsanalyse ist ein wichtiges und sinnvolles Instrument. So, wie sie aber von der Landesregierung praktiziert wird, geht sie an der Unterrichtspraxis und an der schulischen Realität vorbei“, erklärt lehrer nrw-Vorsitzende Brigitte Balbach anlässlich der heutigen Expertenanhörung im Landtag.

„In der Regel kommen die Qualitätsprüfer der Bezirksregierungen für eine 20-minütige Stippvisite in den Unterricht, haken ihren Kriterienkatalog ab und besuchen dann die nächste Unterrichtsstunde. Das wirft bestenfalls ein Schlaglicht auf das Unterrichtsgeschehen und begünstigt inszenierte Vorführstunden, in denen gezeigt wird, was der Prüfer sehen will“, so Balbach.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Qualitätsanalyse für die Schulen mit enormem bürokratischem Aufwand verbunden ist. Schulleiter berichten, dass sie drei bis vier A4-Ordner Datenmaterial für die Qualitätsanalyse zusammenstellen mussten – vom Schulprogramm bis hin zu Konzepten für Sprachförderung, Leistungsbewertung, individuelle Förderung oder Vertretungsunterricht, um nur einige Beispiele zu nennen.

Neben diesen praktischen Problemen ist die Qualitätsanalyse auch inhaltlich bedenklich. Denn sie suggeriert, dass sich Unterrichtsqualität messen, standardisieren und katalogisieren lässt. Das ist falsch. Dieses aus der Wirtschaft entlehnte Verständnis von Qualitätsmanagement lässt sich nicht auf Schulen übertragen, weil Bildungsprozesse viel komplexer und wechselvoller sind als zum Beispiel ein robotergesteuerter Fertigungsablauf in der Industrie, der den immer gleichen Rahmenbedingungen unterliegt. Pädagogisches Handeln steht vor immer neuen Situationen, die nicht durch standardisierte Methodentechnik beherrschbar sind, wie mehrere Bildungswissenschaftler in ihren Statements während der Anhörung deutlich gemacht haben.

So besteht die Gefahr, dass die Qualitätsanalyse zum politischen Steuerungsinstrument wird.  Denn längst ist an den Schulen bekannt, dass die Prüfer zum Beispiel keinen lehrerzentrierte Unterricht sehen wollen, sondern beispielsweise Gruppenarbeit, selbstgesteuertes Lernen oder Kompetenzorientierung. Das sind Konzepte, die in der Bildungswissenschaft durchaus nicht unumstritten sind, die hier aber zum alleinigen Maßstab für Bildungsqualität erhoben werden.

„Die Qualitätsanalyse sollte grundlegend reformiert werden. Sie sollte die Möglichkeiten der Schulen zur Selbstevaluation stärken. Denn über die selbstverständlich bindenden Lernziele hinaus, die das Land in Form von Richtlinien, Lehrplänen und nicht zuletzt aus der Verfassung vorgibt, hat jede Schule andere Schwerpunkte, Stärken und Rahmenbedingungen. Um die sich daraus ergebenden Ziele zu erreichen, sind externe Kontrolle und Unterstützung außerordentlich wichtig“, betont Balbach. „Was die Lehrkräfte angeht: Wir brauchen kein Methodenkorsett, sondern eine Stärkung der pädagogischen Freiheit, die selbstverständlich pädagogische Verantwortung impliziert.“

21.01.2015
Jochen Smets, Pressesprecher

Über „lehrer nrw“:
lehrer nrw“ ist aus dem traditionsreichen Realschullehrerverband NRW hervorgegangen. lehrer nrw vertritt die Interessen der Lehrkräfte im Sekundarbereich, insbesondere an den Realschulen, Hauptschulen und Sekundarschulen in NRW. Unter dem Dach des Deutschen Beamtenbundes (DBB) tritt lehrer nrw für ein vielgliedriges Schulsystem in öffentlicher und privater Trägerschaft ein.



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