Besondere Schulen für besondere Kinder

Über das skandinavische Inklusionsmodell

Schweden wird oft als Vorbild bei der Inklusion genannt, weil besonders viele Kinder mit Behinderung in reguläre Klassen gehen. »Funktioniert dieses Modell wirklich besser?«, fragte sich Silke Bigalke von der Süddeutschen Zeitung im Januar 2015 und begann ihren Bericht damit, dass die deutsche UNESCO-Kommission Schweden als Vorbild bei der Inklusion bewundere. Förderschulen seien »so gut wie abgeschafft«. Perfekt integriert seien Schüler mit Einschränkungen aber oft noch nicht, da viele Schulen kleine Sondergruppen für getrennt unterrichtete Schüler haben.

Sonderschulen für geistig Behinderte

12.000 von 900.000 Grundschülern gehen auf Sonderschulen (Särskolan). Das sind geistig behinderte Kinder (1,33 Prozent) unter einer bestimmten IQ-Grenze. 10.000 weitere (1,11 Prozent) gehen in normale Grundschulen – allerdings zum Teil in Spezialgruppen, die anfangs Übergangslösungen für eine Art Nachhilfe sein sollten. Wenn diese Kinder am normalen Unterricht teilnähmen, komme es darauf an, dass sie »gesehen, verstanden, unterrichtet und unterstützt« würden. Das funktioniere mal besser und mal schlechter.

Finnland hat ebenfalls in den vergangenen dreißig Jahren fast zwei Drittel seiner Sonderschulen abgeschafft. Martin Spiewak (Die ZEIT) fragte schon im Jahr 2013: »Was kann Deutschland davon lernen?«. Antwort: Was heute Deutschland plant, nämlich alle (vom Hochbegabten bis zum geistig Behinderten) zu jeder Zeit gemeinsam zu unterrichten, gäbe es sonst nirgendwo auf der Welt. Denn die Zahl derer, die in Finnland eine spezielle Unterstützung erhielten, sei nicht kleiner geworden. Im Gegenteil, bis Ende der neunten Klasse wäre jeder zweite junge Finne einmal Förderschüler gewesen.

Multiprofessionelle Teams

Parallel zum normalen Stundenplan bieten Spezialpädagogen Förderunterricht an und üben beispielsweise in Hauptfächern mit Langsamlernern, Null-Bock-Kandidaten und sogenannten sozial Auffälligen. Die betreuenden Spezialpädagogen genießen ein noch höheres Ansehen und verdienen noch besser als die ohnehin sehr geschätzten Lehrer. Jedem Schülerjahrgang ist nach Spiewaks Bericht ein Spezialpädagoge zugeordnet. Ihm zur Seite stehen viele weitere Professionen: Sozialarbeiter, Psychologen, Schulkrankenschwester, Laufbahnberater sowie zuständige Polizeibeamte.

Die in Deutschland häufig anzutreffende Vorstellung, der Förderlehrer sei nur für die Problemfälle der Klasse zuständig, trifft man in Finnland kaum an. Wem die Hilfe im Klassenverband nicht reicht, der hat Anrecht auf gezielte Förderung. Wenn auch das nicht fruchte, komme die dritte Stufe der Förderpyramide zum Einsatz: Die Schüler würden von den Anforderungen des Curriculums befreit und arbeiteten nach einem eigenen Lehrplan.

Verzicht auf Sonderschulen? Illusorisch!

Die auch in Nordrhein-Westfalen verfochtene Idee, die Lehrer müssten ihren Unterricht nur entsprechend ‘individualisieren’, dann könne man auf Sonderschulen verzichten, hält man in Finnland für illusorisch. Schon zu Beginn der Schulzeit setzen die finnischen Schulen auf regelmäßige Tests und kontinuierliche Förderung durch Spezialisten. Niemand käme auf die Idee, dass sich alle Lernprobleme im Klassenverband lösen ließen. Je früher man interveniere, desto besser.

Norwegen zeigt nach einem Bericht* für den Bayerischen Landtag von 2014 ein weitaus differenzierteres und gegliedertes Schulsystem (bis zu eigenen Sonderschulen im Förderschwerpunkt Lernen), als es in manchen Publikationen nachzulesen ist. So bestätigt auch die Bildungsforscherin Annelise Arnesen**, dass sich das Schulsystem schon seit Jahrzehnten als Ort des gemeinsamen Lernens für alle Kinder zwar verstehe, in der Praxis die Inklusionsrechte von Kindern mit Behinderungen durch die Einrichtung von Sonderklassen unter dem Dach der Gesamtschule in den letzten Jahren aber zunehmend unterlaufen werden. Und das verlaufe nicht zufällig parallel zu der Einführung von testbasierten Leistungsmessungen und ergebnisorientierten Leistungsvergleichen…

* www.km.bayern.de/download/10156_berichtinkla428s_5_280114_es.pdf
**http://bildungsklick.de/a/87858/inklusion-eine-herausforderung-fuer-diesonderpaedagogik/

Heribert Brabeck

Zur Originalausgabe (PDF-Datei)

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