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Die Spuren der Handschrift im Gehirn 15 1/2020 · lehrer nrw Das Schreiben mit Stift und Papier hat auch im digitalen Zeitalter seine Berechtigung und ist kein überkommenes Relikt. Dies erläuterte der Psychologe und Hirnforscher Prof. Dr. Mar- kus Kiefer in einem Vortrag auf dem Mülhei- mer Kongress von lehrer nrw . Vor über 5.000 Jahren begannen Menschen in Mesopo- tamien und Ägypten, Gedanken, Fakten oder Verträge mit Schriftzeichen festzuhalten. Sie ritzten mit einem Stift Symbole in den Ton oder malten mit Schilfrohr oder Fe- der Zeichen auf Papyrus und Pergament. Später wurde mit Füller, Bleistift oder Kugelschreiber auf Papier ge- schrieben. Auch wenn diese Schreibwerkzeuge im Lauf der Zeit durch Druckerpresse und Schreibmaschine er- gänzt wurden, war die Schriftsprachkultur über Tausen- de von Jahren hinweg durch Handschreiben geprägt. In den letzten Jahren hat sich die Art des Schreibens jedoch massiv gewandelt. Digitale Schreibgeräte wie Computer, Tablets oder Mobiltelefone ersetzen zuneh- mend die Handschrift. Aufgrund der Allgegenwart von digitalen Geräten in Privathaushalten kommen Kinder- gartenkinder zunehmend durch Tippen auf digitalen Geräten in Kontakt mit der Schriftsprache. Gleichzeitig ist ein auch politisch gewollter Trend vorhanden, digita- le Geräte an Kindergärten, Grundschulen und weiter- führenden Schulen in großem Umfang einzuführen, be- fördert nicht zuletzt durch den DigitalPakt Schule von Bund und Ländern. Da Lese- und Schreibfähigkeit wich- tige Voraussetzungen für den Schul- und Berufserfolg darstellen, ist es wichtig, die Folgen der Digitalisierung des Schreibens für diese Fähigkeiten aufgrund wissen- schaftlicher Erkenntnisse abzuschätzen. Klar ist jetzt schon, dass häufiges Tippen auf einer Tastatur anstelle von Handschreiben mit einer verringerten Feinmotorik einhergeht, wie eine Arbeitsgruppe um den Dortmun- der Psychologen Herbert Heuer herausgefunden hat. Schreiben im digitalen Zeitalter Fakt ist: Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung des Alltags wird immer mehr auf digitalen Geräten getippt und immer weniger mit Stift und Papier ge- schrieben. Es gibt sogar Stimmen, die dafür plädieren, den »Tod der Handschrift« aktiv herbeizuführen, indem Kinder Handschreiben erst gar nicht mehr in der Grundschule erlernen, sondern die Schriftsprache per Tippen auf einem Laptop oder Tablet-Computer erwer- ben. So wird im SZ Magazin (06/2012) argumentiert, dass das Erlernen einer flüssigen Handschrift für Kin- der ein mühsamer Prozess sei, der viel Unterrichtszeit beanspruche. Gleichzeitig habe die Handschrift im Erwachsenenalter eine immer geringere Bedeutung. Auch brächten die Kinder immer weniger feinmotori- sche Fähigkeiten mit, die für das Handschreiben unab- dingbar sind. Da Kindern das Tippen auf einer Tasta- tur leichter falle als das Schreiben mit Stift und Papier, seien digitale Schreibgeräte für den Schriftspracher- werb von Vorteil. Wenn das mühsame Erlernen einer Handschrift an den Grundschulen entfalle, könne auch mehr Unterrichtszeit für textgestalterische Aspek- te oder für andere Unterrichtsinhalte verwendet wer- den, so das Argument. Basierend auf diesen Ideen haben einige Pilotschu- len in der Stadt Sollentuna in Schweden den Schrift- spracherwerb per Handschrift in der ersten Klasse der Grundschule abgeschafft. Das Erlernen der Hand- schrift erfolgt erst in der zweiten Klasse. Evaluationsbe- funde der wissenschaftlichen Begleitung dieser Schu- len durch ein Team um Annika Genlott und Åke Grön- lund zeigen, dass der computergestützte Unterricht, in dem die Kinder auf einer Tastatur Schreiben per Tip- pen erlernen, dem traditionellen Unterricht per Hand- schreiben in Bezug auf Schreib- und Leseleistung der Kinder überlegen ist. Interessanterweise war dies aber nur dann der Fall, wenn der digitale Unterricht in ein aufwändiges pädagogisches Konzept eingebettet war, in dem reichhaltige Interaktionen zwischen den Kin- dern untereinander und zwischen den Kindern und den Lehrkräften vorgesehen waren. Wurde der Laptop ohne dieses pädagogische Konzept in den Klassen zum Schreiben verwendet, waren die Leistungen der Kinder im digitalisierten Unterricht mit denen der 

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