Bericht über den Besuch der Ausstellung 'Henry Moore, Impuls für Europa'

lehrer nrw-Gruppe am 16.02.2017 in Münster
Plastik von Henry Moore 'Bogenschütze'
'Ruhende'
'Mutter mit Kind'
Große sitzende Gewandfigur
Dreiwegestück Nr. 2 'Bogenschütze'
Drehbare Skulptur 'Bogenschütze'
Zweiteilig liegende Figur

Am 16. Februar 2017 hatten sich 15 Kolleginnen und Kollegen des lehrer nrw im sehr großen neuen Foyer des LWL-Museums in Münster eingefunden und warteten gespannt auf die Führung durch diese Ausstellung.

Frau Knape, eine Kunststudentin im fortgeschrittenen Semester an der Kunstakademie in Münster startete mit der Einführung vor den Räumen der eigentlichen Ausstellung mit den „Grundlagen“ an der drehbar angebrachten Skulptur 'Bogenschütze' (relativ kleinformatig gegenüber den übrigen Ausstellungsstücken von Moore: ca. 60 cm in allen seinen Ausdehnungen). Wie der Direktor des LWL-Museums H. Arnhold über Moore sagte, sind „fast alle seine Skulpturen sehr sinnlich. Wir merken das daran, dass wir immer versucht sind, sie anzufassen.“ Und dies wird hier sofort erfüllt: Anfassen, betasten und drehen ist hier ausdrücklich gestattet, was fast alle Teilnehmer auch schon ohne Aufforderung durch Frau Knape ausprobierten, denn in den übrigen Räumen darf weder angefasst noch fotografiert werden.

Moores Skulpturen sind mit einer Berührung nicht erfasst. Wir kennen alle Moores Bronzeplastiken in schwellenden, sanften Formen, von edler Patina überzogen. Frau Knape riet uns deshalb, nach der Führung noch die drei Außenfiguren, die als Leihgaben für die Zeit der Ausstellung aus verschiedenen Städten auf den beiden Seiten des Museums zum „Domplatz“ hin und zum „Aegidiimarkt“ hin aufgestellt worden sind, zu betrachten und vor allem zu betasten.

Im ersten Raum fanden wir dann schon die typische Moore-Figur einer „Liegenden“ in Alabaster, in Teile zerlegt. Der surrealistische Einfluss aus der damaligen Zeit ist hier schon vorhanden, Moore stellt fast immer auf einer Plinthe liegende Figuren dar (Plinthe = Sockel einer Figur aus gleichem Material, wie bei Moores Skulpturen meistens in Bronze). Man erkennt hier bei der Kleidung die übermäßigen, groben Faltenwürfe, wie sie auch in der Antike schon vorhanden waren. Umgeben ist die Figur von Figuren anderer Künstler, die in Moores Figuren Anregungen sahen und ihnen innerhalb Europas somit den Impuls gaben, wie im Titel der Ausstellung betont: „Henry Moore, Impuls für Europa“

So ist von Hartung in ähnlicher Abstraktion das „liegende Paar“ hier im Raum neben der „Liegenden“ von Hans Arp zu sehen.

Außerdem beschäftigte sich Moore mit Zeichnungen - er war während des 2. Weltkrieges offiziell eingesetzt als „Kriegskünstler, wobei er "Liegende" in einer Reihe von Kohlezeichnungen darstellte, die dicht aneinander geschmiegt in den U-Bahn-Schächten Schutz vor deutschen Bombenangriffen suchten (u. a. auch als Hommage an Rodin).

Joseph Beuys reagierte in den 70er Jahren auch auf Moore, als er eine Liegende darstellte aus einem Einweckgummi zur liegenden Acht geformt, in einer Pappschachtel als Rahmen.

Auch Markus Lüpertz mit einem antiken, verkrüppelt am Boden liegenden in den Farben rot und blau angemalten "Krieger" nahm diese Thematik 1993 im Andenken an Moore wieder auf.

Durch die Aushöhlungen seiner Figuren wollte er die sogenannten Durchblicke schaffen als etwas Neues. Besonders nahm er sich dabei die Naturgegebenheiten vor: Er hat häufig Knochenkonstruktionen dargestellt, mit Steinen und anderen Fundstücken aus der Natur „gespielt“. Diese organischen Formen finden wir dann auch bei Arp und auch bei Hartung wieder, deren Darstellungen wir ebenfalls betrachten können.

Ein Arbeitsmodell einer „Liegenden“ in Stein hatte Moore für die documenta 2 in Kassel geschaffen und anschließend das „Original“ in bedeutend größerem Maßstab in oberflächengrobförmigem Travertin vor dem Unesco-Gebäude in Paris aufgestellt.

Masken, Köpfe, Helme sah Moore in mexikanischen Darstellungen und griff diese als Thema für sich auf. Vergleichsweise ist hier auch ein schlichter „starrender Kopf“ von Giacometti von 1929 ausgestellt.

Ein kleines Werk Moores, das „Atom Piece“, sollte an die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion erinnern. Und das mündet dann in der großen, bronzenen Darstellung, gegossen in der Gießerei Noack in Berlin: ein menschlicher Schädel in der Form eines Atompilzes.

In einem Raum sehen wir noch „stehende Figuren“ von Moore dargestellt als vorbereitende Zeichnungen für Skulpturen oder die drei Grazien von Arp als Darstellung in Zeichnungen und als Skulpturen: drei schlichte Säulen.

Bei der Bronzeskulptur von Moore, die „Sitzende Frau - dünner Hals“, von hinten aussehend wie eine Schildkrötenaufsicht, kommt sein Relationsbegriff deutlich durch, den Moore einmal so beschrieben hatte: „Der Kopf muss ganz klein sein, um die Massigkeit des Körpers zu betonen. Wäre der Kopf größer, so hätte das die ganze Idee der Skulptur zerstört.“

Besonders imposant wirkt Moores bekannte „Mutter-Kind-Figur“, wobei die Mutter ihr Kind sehr grob am Hals umfasst, um es zu säugen.

Im letzten Saal geht es um wirkliche Abstraktionen: im Vergleich zu der „Schwere“ bei Moore mit Ausnahme von den „Drei Spitzen“, die sich fast berühren, ist es die Leichtigkeit bei Darstellungen von Uhlmann (z.B. im „Akkord“ von 1948), mit gespannten Drähten.

Die Außenplastiken sind

1. auf dem Vorplatz des Museums: das „Dreiwegestück: Bogenschütze“ (als Leihgabe der Nationalgalerie Berlin), vor dem wir unser Teilnehmerfoto durch einen Fußgänger machen ließen.

2. Am Ausgang zum Dom hin stehen die beiden Figuren „Zweiteilige liegende Figur“ (als Leihgabe des Festspielhauses Recklinghausen) und die „Große sitzende Gewandfigur“ (als Leihgabe vom Kunst- und Museumsverein Wuppertal) wiederum auf Plinthen.

Nach zwei Stunden Kunstgenuss unter einer wirklich großartigen Führung durch Frau Knape konnten wir uns auf dem Spaziergang über den Prinzipalmarkt zum Restaurant „Kleiner Kiepenkerl“ und beim Mittagessen in vielfältiger Art über die Ausstellung auslassen. Einige nutzten sogar noch den späten Nachmittag zum ausgiebigen Stadtbummel und zu einem sich anschließenden Abschlusstrunk in der bekannten Studentenkneipe Münsters: „Pinkus-Müller“.

Konrad Dahlmann 


 

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