Bericht über den Besuch der Senioren des lehrer nrw bei den Skulpturen und „The Hot Wire“ in Marl am 23. September 2017

Einer der zwei Rathaustürme
Einer der zwei Rathaustürme
"Projekte"
"Projekte"

Dieses mal verschlug es die Seniorengruppe des lehrer nrw nach Marl. Einst - in den 60er Jahren – eine moderne, zukunftsorientierte Stadt, wegen der aufstrebenden chemischen Industrie (Marl-Hüls)  neben den vielen Zechen in der Umgebung , wie uns die junge Kunstführerin Frau Hoffmann darlegte. 

Man hatte einen Teil der Stadt, die zunächst eigentlich ein Conglomerat aus kleinen Dörfern war, auf dem Reißbrett entworfen und ein Rathaus mit vier großen Verwaltungstürmen für die vielen verschiedenen Ämter in ganz außergewöhnlicher Bautechnik geplant, von denen nachher aber nur zwei Türme verwirklicht wurden. 

Das Zentrum sollte ein niedriger zweigeschossiger Bau mit Sitzungssälen und einem weiteren speziellen, niedriggehaltenen Bau für die Amtsräume der Verwaltungsspitze bilden. 

Ein großer Platz vor diesen Gebäuden mit einer großen Springbrunnenanlage davor, von der leider nur noch ein leeres Becken vorhanden ist, sollte den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens bilden, denn am anderen Platzende entstand der „Stern“, ein großes Einkaufszentrum, das heute kaum mehr ausgelastet ist, angeschlossen an den S-Bahnhof und Busbahnhof Marl-Mitte. Das gesamte Gelände des Rathauses mit den drei Bauteilen und dem Platz mit dem Brunnen davor wirkten damals und auch heute noch wie eine große  Gesamtskulptur.

Die Stadt wuchs in den 60er und 70 er Jahren auf fast 100 000 Einwohner, weshalb man außer den Hochhäuserreihen auch einen riesigen terrassenförmig angelegten Wohnblock in die Nachbarschaft baute. Die Einwohnerzahl sank auf etwa 80 000 ab, als die Industriezweige mitsamt der chemischen Industrie abbröckelten, bis zuletzt die Zeche Auguste-Victoria von der RAG zum 18. Dezember  2015 schloss. Mittlerweile hat sich die Einwohnerzahl wieder auf fast 90 000 stabilisiert. Viele Grünanlagen mit kleinen Wäldern im Nah- und Außenbereich und dem zentralen See vor dem Rathausplatz gaben der Stadt Marl den Charakter einer damals reichen „Stadt im Grünen“.

Eine Hauptschule im Grünen als ganz moderner Zweckbau in den 60er Jahren  angelegt, und das benachbarte, üppige Hallenbad waren  Ausdruck pulsierenden Lebens. Das Schwimmbad ist heute abgerissen. Die Hauptschule sollte abgerissen werden - neuerdings aber unter Denkmalschutz gestellt – soll sie bald zum Museum werden. 

Seit 1970 und 1972  wurden im Rahmen von Skulpturausstellungen mehr als 100 Kunstwerke sowohl von der Stadt Marl angekauft als auch von den Chemischen Werken Hüls als Stiftung an die Stadt übergeben. 

Skulpturen und etliche Modelle sind im „Glaskasten“, der den im Parterre liegenden Teil des Sitzungssaalgebäudes einnimmt, in der Umgebung des Rathauses, um den See und auf dem benachbarten alten Friedhof mitsamt dem alten Hauptschulgebäude ausgestellt. Werke von bekannten Künstlern der Avantgarde, Hans Arp, Ulrich Rückriem, Richard Serra, Stefan Wewerka und Zadkine sind hier zu sehen. 

Wir beginnen auf dem Rathausvorplatz, dem „Creiler Platz“ mit einem Blick auf die Fassade mit der für diese Ausstellung von Mischa Kuball geschaffenen Inschrift: „Les Fleurs du Mal“, gedeutet als: die Blumen für Marl oder auch die Blumen des Bösen. Unten ist der Eingang zum Rathaussaal mit einer Vase dekoriert, die öfter von Besuchern mit Blumen gefüllt wird. 

Dann sehen wir die  aus Chromnickelstahl gefertigte Skulptur: „Naturmaschine“ (1969), einem knotenähnlichem Gebilde, das aus Würfeln herauszuwachsen scheint, von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Viele Drähte sind zu einem „Seil“ zusammen geschweißt.

Weiter geht es zu einem über 5 m hohen Monolithen, an dem man noch die Bohrlöcher vom Heraustrennen des Steines aus dem Steinbruch sieht (von Lara Favaretto). Das „Zwillingsstück“ davon steht in Münster am Ludgeriplatz und beide sind Bestandteil des  ersten „heißen Drahtes“ zwischen Marl und Münster, mit dem  Begriff „The Hot Wire“ als Verbindungsglied.  In Marl fanden 1970 und 1972 die ersten Skulpturenausstellungen in der Öffentlichkeit statt. 

Der damalige Museumsdirektor Bussmann in Münster und ein Kunstprofessor Kaspar König aus Münster fanden beim Besuch dieser Ausstellungen solch ein Gefallen daran, dass sie 1977 in Münster nach dem Marler Vorbild eine Skulptur-Projekte-Ausstellung im 10-Jahresrhythmus ins Leben riefen. Im Jahr 2017 hat man außerdem einzelne Kunstwerke ausgetauscht, darauf wird im Einzelnen unten hingewiesen.

Dann geht es weiter zu dem „Non Violence“, einem Revolver mit Doppelknoten im Lauf, von Carl Fredrik Reuterswärd. Dieser Künstler schuf nach der Ermordung John Lennons, seinem Freund, eine ganze Serie dieser Art von Darstellung des nicht nutzbaren Revolvers. Anschließend geht es zu dem vom Österreicher Alfred Hrdlicka geschaffenen bronzenen Portrait des Theologen und Widerstandskämpfers „Dietrich Bonhöffer“ zur Erinnerung an Gewalt an Menschen im Dritten Reich.

Die nächste, von Werner Graeff 1970 geschaffene Skulptur mit einer Höhe von ca. 3-4 Metern,  stellt einen in Beton ausgeführten Förderturm zur Erinnerung an die ehemalige Ruhrgebietslandschaft hier in Marl dar. 

An einem Monolithen aus Sandstein von Ulrich Rückriem geht es vorbei an den links vom Weg gelegenen Terrassenhäusern und auf der rechten Seite liegenden See mit dem wunderbaren Blick über den See zum Rathauskomplex. 

Wir stehen vor der  Bronzeskulptur von Bernhard Heiliger: „Nike“, der Göttin des Sieges mit der erhobenen linken Faust. 

Von diesem Standpunkt blicken wir zu der etwas entfernt stehenden „3/72 Rahmenkonstruktion“ von Alf Lechner von 1972:  4 Würfel in Roststahl sind aufeinander gestapelt. 

Hier steht auch von Ossip Zadkine der berühmte bronzene „Große Orpheus“ mit seiner Harfe in kubistischer Darstellung.

Am Nordufer des Citysees steht die Bronzeskulptur „Die große Badende Nr. 1“, die nur eine dünne Badehose trägt und mit ihren verschränkten Armen ihre Brust verhüllt.  Dabei haben wir auf dem Weg den Blick zur Insel vergessen, wo zwei in natürlicher Größe, bunt gefärbte Plastikkühe zu grasen scheinen. 

Fast neben der Badenden steht ein Klangobjekt bestehend aus acht etwa 70 cm im Durchmesser großen, flachen Metallkreisen, von Alexanger Rüdiger Titz in einem vorhandenen  Kneippbecken stehend, (deswegen der Titel „Umlauf“,)  bei dem durch den vorbeistreifenden Wind Töne erzeugt werden.

Und wieder nähern wir uns dem Hot Wire mit einer Leihgabe (für diesen Sommer) vom Schlossplatz in Münster, dem  „Fahrradständer“ aus Beton mit Fahrradstellplatz auch in 4 m Höhe und zwei Nadelbäumchen, die in jedem Jahr neu gepflanzt werden müssen, weil sie die Trockenheit in dem wenig Erde enthaltenden Gefäß nicht überdauern (von Richard Artschwanger : „ohne Titel“).

Dann geht es zum nächsten Hot Wire Exemplar, geschaffen  von  Thomas Schütte: „Melonensäule am Parkplatz“ (eine buntlackierte Bronzeskulptur auf kelchförmigem grauem Betonpfeiler, nach 30 Jahren der in Münster stehenden Kirschsäule  (Bronze auf  kelchförmigem Sandsteinpfeiler) nachempfunden, da man hier in Marl auch eine Kirschsäule haben wollte, Schütte aber kein Duplikat erstellen wollte.

Beim Gang über  den alten Friedhof mit einem großen alten Baumbestand sehen wir in der Höhe an Ästen hängend zwei große, perforierte, rot lackierte  Metallwolken, eine Arbeit von Bogomir Ecker. 

Wir nähern uns dann einer Grünfläche, auf der ein großer Roststahl-Winkel von Micha Ullman zum Teil über einer Grube hängt. Auf der Oberseite ist Gras eingesät, sodass von verschiedenen Standpunkten betrachtet, der Eindruck einer durchgehenden Wiese entsteht.

Dann laufen wir über ein Skulptur-Projekt von Joelle Tuerlinckx: eine ca. 200 m lange weiße Kreidelinie wird quer durch den Skulpturenpark über Wege, Wiesen und Äste hinweg, wie bei den Linien eines Fußballfeldes, in diesem Falle jeden Morgen um 10 Uhr von einer Person neu gezogen. Deswegen auch die Bezeichnung „Projekt“ mit dem Namen „Le Tag/200m 2017“.

Auf einer anderen Wiese stehen vier Guillotinen (die  Fallbeile mit englischen Texten beschriftet) in einer Reihe, die auf einen vorhandenen Obelisken (zur Erinnerung an  umgebrachte russische Kriegsgefangene)  zeigen,  zum Gedenken an Kriegsgreuel, Widerstand und Bestrafung durch grausame Diktatoren.

Wir nähern uns der ehemaligen Schule an der Kampstraße, wo an den Außenwänden  eines ehemaligen Klassenraumes Holztafeln mit in Holz eingebrannten Zeichnungen von Sany (Samuel Nyholm) angebracht sind. Auch diese Holztafeln sind wieder ein Teil des Hot Wire mit Münster, wo drei  solcher Skulpturen an Häuserwänden in größerer Höhe  angebracht sind, (normalerweise alles auf dem Kopf stehende Darstellungen außer der einzigen hier richtig herumhängenden „drei Grazien“).

Wir erreichen ein rotes Backsteingebäude mit dem Namen „Insel“; das ist das ehemalige VHS-Gebäude, aber wegen eines anderen Neubaues schon lange nicht mehr für den Zweck benutzt, sondern umgestaltet in den Verwaltungssitz des Grimme-Institutes, das den deutschen Fernsehpreis verleiht.

Als letzte Skulptur hinter dem Glaskasten-Skulpturenmuseum  stehen wir dann vor dem

„Tor zu Baalbek“ von 1977, acht Säulen aus Polystone (einem Gemisch aus Polyester und Quarzsand), im Kreis angeordnet,  umfassen eine „Tempelanlage“ (zur Erinnerung an den Libanesischen Bürgerkrieg  1975-1990 ). Heute soll es an die Zerstörungen von Tempelanlagen  im Syrienkrieg erinnern.

Mit dem Eintritt in den „Glaskasten“  endet unsere durch Frau Hoffmann wunderbar geführte Wanderung entlang Natur und Kultur. Jetzt bleibt noch die Ansicht von Modellen zu ehemaligen und jetzigen Skulpturen, die im Maßstab 1:4 in den Ausstellungsräumen  des Museums zu bewundern sind. Da kommt einem so manches wieder in Erinnerung, was wir auf unserem zweistündigen Rundgang gesehen und erklärt bekommen hatten. 

Dann wurde es Zeit zum Marler Theater in das Alteatro-Lokal zu gehen, das auf einem  kurzen Fußweg erreicht wurde, um die vielen Eindrücke bei einer italienischen Mahlzeit und im Gespräch zu verarbeiten. 

Vor dem Theater mussten wir dann noch das „Beweisfoto“ vor dem Rostmodell der riesig großen, auf dem Kopf stehenden  Lokomotive und Tender mit den restlichen Teilnehmern machen.

Konrad Dahlmann