Riesiger Komplex: Chemiepark Marl

Besuchergruppe erhält Erklärungen
Besuchergruppe erhält Erklärungen
Luftbild der Anlage
Luftbild der Anlage
Versuchsaufbau
Versuchsaufbau

Bericht über den Besuch der lehrer nrw-Senioren im Chemiepark in Marl am 15. März 2018

15. März morgens 7:00 Uhr: Wir frühstücken und lesen dabei unsere Tageszeitung. Ins Auge fallende Schlagwort: Chemiepark Marl erhält eine neue Anlage durch Investition von 400 Millionen Euro von Fa. Evonik für eine neue Anlage für die Polyamid 12-Produktion, das heißt auch: 150 Arbeitsplätze mehr. 

Wir bereiten uns gerade geistig auf den Besuch des Chemieparks Marl mit den Kolleginnen und Kollegen von lehrer nrw vor, denn in drei Stunden werden wir dort im Infozentrum erwartet.  Die Sonne meint es an diesem Morgen gut mit uns und wir erreichen alle – leider mussten sechs Teilnehmer wegen der z. Zt. grassierenden Grippewelle aus Krankheitsgründen absagen - pünktlich um 10:30 Uhr den Startpunkt „Infocenter Chemiepark“.

Zunächst können wir im Kellergeschoss eine Dauerausstellung mit interessanten Daten der Entstehung und Entwicklung dieser heute mehr als sechs Quadratkilometer großen Fläche betrachten und später von Herrn Beckmann, unserem Führer bei der Rundtour, vieles mehr dazu zu hören bekommen. Er war lange Zeit dort beschäftigt und erklärt mit viel Sachverstand alles, was wir wissen wollen.

In den Jahren 1938 und 1939 wurde die Anlage an diesem Standort errichtet und das Werk unter dem Namen „Chemische Werke Hüls GmbH“ gegründet. Die Firma war eine Tochtergesellschaft der "I.G. Farben" und der Bergwerksgesellschaft "Hibernia". Es wurde zunächst nur der synthetische Kautschuk BUNA produziert, weil dieser im beginnenden 2. Weltkrieg eine große Rolle für die „Kriegsindustrie“ spielte. – Deswegen wurde im Kriege diese Anlage gezielt von Luftangriffen zerstört, so dass die Produktion fast erstarb.

Doch sofort nach dem Kriege wurde der weitere Ausbau betrieben und die VEBA schaffte es,  mit dieser riesigen Anlage den Sprung zu einem Weltunternehmen zu machen. Es waren zwischenzeitlich in den Jahren ab 2003 Namen aufgetaucht wie "RAG" aus dem Steinkohlenbergbau im Ruhrgebiet, "Degussa" und "Degussa-Hüls AG" als Chemieunternehmen, und viele andere bis hin zur Umwandlung in den "Evonik"-Betrieb im Jahre 2007 und endgültig 2013.

Alles hat sich hier am Standort Marl gewandelt durch Rückbau und Neubau, und es ist nun – als Nachfolger der Chemischen Werke Hüls – in mehrere Dienstleistungs- und Produktionsbetriebe für chemische Industrie aufgegliedert. Mittlerweile sind ca. 100 verschiedene Produktionsanlagen in Betrieb, die mit etwa 10.000 Beschäftigten rund um die Uhr arbeiten.

Hier in Marl werden nur Rohprodukte, keine Endprodukte hergestellt. Man findet Produktionsstätten für Flüssigkeiten und Gase für die verschiedenartigsten Dinge im täglichen Leben: z. B. Weichmacher für die Reifenproduktion oder für die Produktion von Kraftstoffzusätzen,  für die Produktion von Farben (Lack- oder auch  Kleberohstoffe  für Autoindustrie, für Textilien oder Produktion von Verpackungen).  

Sogenannte Industriegase werden in großen Mengen produziert und mit großen Tanklastkraftwagen nach ganz Europa und mit Tankschiffen in die ganze Welt hinaus versendet.

Allen  voran steht die in der neuen, vergrößerten, oben genannten und der Evonik gehörenden Produktionsstätte für den Kunststoff „Polyamid 12“ in Pulverform.  Dieser hat eine besondere Bedeutung in der  Sportartikelindustrie, der Medizintechnik u.v.m.. 

Andere Weiterentwicklungen werden bei der Produktion von synthetischem Latex benötigt.  Tenside  für die Produktion von Wasch- und Reinigungsmittel sowie für die Körperpflege und für Kosmetik.

Für die Zukunft wichtig sind Produkte, die das 3D-Drucken von Artikeln möglich machen. Hierzu notwendige Experimente wurden und werden auch in den Marler Laboren betrieben.

Aus großen Erdöltanks am Rande und an den eigenen Hafenanlagen werden die Flüssigkeiten und später die daraus gewonnenen Gase durch tausende Meter von Rohrleitungen mit kleinen und vor allem auch großen Querschnitten unter hohem Druck geleitet. Diese vielen Rohrleitungen führen überall in etwa 6-10 m Höhe über den „Fahrstraßen“ auf dem Gebiet.  

Es gibt einen neuen Containerumschlagsplatz mitten auf dem Gelände, von dem aus Züge nach ganz Europa rollen.

Zu den Anlagen gehören zwei Gaskraftwerke und ein Kohlekraftwerk, an denen wir vorbeifuhren und die wir später auch von oben sehen konnten. Sie verkaufen bei Überproduktion für die Umgebung zusätzlichen Strom  und erhalten umgekehrt bei größerem eigenen Verbrauch automatisch aus fremden Leitungen „Nachschub“.

Abgasschornsteine von über 120 oder 240 m Höhe haben derartig gute Filteranlagen, dass nur noch Restwasserdampf in die Luft entströmt. 

Von der neunten Etage eines großen Hauses aus, in dem ehemals nur chemische Entwicklungslabore untergebracht waren, hatten wir einen Rundumblick – bei dem schönen Sonnenschein besonders weit über Gelsenkirchen hinweg bis fast nach Essen – , in der anderen Richtung über die nördlich angrenzende Hard  bis Haltern und die ehemaligen Marler Zechenanlagen Auguste-Viktoria. Dieses Haus steht heute wegen brandschutztechnischer Mängel völlig leer. 

Im Anschluss an diesen interessanten Besuch galt es auszuspannen, und das geschah dann im „Lipper Hof“, einem jugoslawischen Speiselokal mit schmackhaftem Essen. Lange unterhielten wir uns dort noch über die neuen Erfahrungen, die wir in dieser Chemieparkanlage gemacht haben.

Konrad Dahlmann