Besuch der Ausstellung: Marc Chagall, der wache Träumer

Plakat zur Chagall-Ausstellung
Plakat zur Chagall-Ausstellung
St-Paulus-Dom mit Augenbändern
St-Paulus-Dom: Westwerk mit Augenbändern

Besuch der Ausstellung: Marc Chagall, der wache Träumer
im Picasso-Museum in Münster am 8.11.2018

Auf unserer „Herbstkurzfahrt“ vor 14 Tagen nach Bingen war ein Programmpunkt der Besuch der St. Stephanuskirche mit den berühmten Chagallbildern im Chorraum der Kirche. Nach dieser so wunderbaren Vorstellung durch einen sehr kompetenten, echten Liebhaber aus der Pfarre kamen wir in abendlichen Gesprächen auch auf die zur Zeit laufende Ausstellung von Chagall im Picassomuseum in Münster zu sprechen. Schnell war der Plan gefasst, diese in Bälde zu besuchen. Ich habe sofort nach meiner Rückkunft von der schönen „Bingentour“ Kontakt zum Museum aufgenommen und einen Terminvorschlag für Anfang November gemacht, der zufällig auch als Führungstermin frei war. Schnell hatte ich alle interessierten Teilnehmer informiert und es fand sich eine stattliche Zahl von positiven Rückmeldungen. Damit waren Ort und Zeit gebongt.

Die Führerin, eine junge und sehr gut vorbereitete Kunsthistorikerin, ging  sofort zu Beginn der Führung auf die Eigenarten, die Vorlieben und auch die Entwicklung Chagalls als jüdischer Maler, der eigentlich nach jüdischem Verständnis keine Darstellungen von Menschen und Gott machen durfte, ein.
Marc Chagall (eigentlich Mojsche Segall 1887 -1985 ), geboren in Witebsk in Weißrussland, wird in dieser Ausstellung von seiner „Welt der Wunder und Träume“ gezeigt. Immer ist die Verknüpfung von Wirklichkeit und Traum deutlich zu erkennen, es sind zum Teil romantische Züge dabei vorhanden, aber stets mit der Wirklichkeit verbunden, z.B. häufig durch einen Blumenstrauß, der sozusagen als Begrenzung eines Bildes dient. Seine Figuren schweben oft durch die wirklichen Räume. So verläuft auch in seinem gesamten künstlerischen Schaffen die Verknüpfung von Traum und Wirklichkeit, seien es Darstellungen aus seinen Wohnorten, seinem Heimatort Witebsk, den Darstellungen aus dem alten Testament der Bibel (zum Teil nach Art der in Russland verbreiteten Ikonendarstellungen) oder auch nach seinem Umzug in der „ ihn befreienden Welt“ und zweiten Heimat von Paris (ab 1922, hier nennt er sich Marc Chagall) und später nach seiner Auswanderung nach Amerika.

Seine jiddische Muttersprache, die bekanntlich viele deutsche Elemente enthält, veranlasst ihn, die Titel häufig entsprechend mit jiddischen Namen zu bezeichnen.

Seine eigene Geburt hat er interessanterweise dargestellt mit seltsamen Beleuchtungseffekten, die nicht ganz der Wirklichkeit entsprechen, sondern die wichtigen Personen in den Vordergrund rücken.

Seine Darstellungen mit über den Dächern seines Heimatdorfes fliegenden Tieren beinhalten Begriffe aus jiddischen Sprichwörtern. Die durch die Luft fliegenden oder über Dächer laufenden Bauern, zum Teil auch mit Ackergeräten dargestellt, die fliegenden oder auf Wolken ruhenden Liebespaare, die Mensch-Tierfiguren (häufig Menschen mit einem Hahnenkopf), alles dies sind als Symbole dargestellte Sprichwörter oder jiddische Ausdrücke. Dass viele Dinge auf dem Kopf stehen, spielt dabei keine Rolle. Immer findet sich der Bezug zur Wirklichkeit wieder.

Ein besonderes Augenmerk hat der Künstler auf alle seinen biblischen Darstellungen gelegt, wie wir es auch schon in Mainz in den Fenstern der St. Stephanuskirche erleben konnten. Viele farbige Vorzeichnungen in Aquarell oder Gouache hat Chagall gemacht, um als Endprodukt schließlich einen einfarbig, meist schwarz oder braun gehaltenen Tiefdruck zu erhalten.  
Großflächige Bilder, auch die meisten aus Paris, sind farblich kräftig ausgearbeitet. Er kommt u.a. mit den Zeitgenossen der zu der Pariser Zeit hochmodernen kubistischen und futuristischen Malerei zusammen. „Ich bin ein Maler, der unbewusst bewusst ist“, war ein Ausspruch von Chagall.

Ein besonderes Kuriosum: das Picassomuseum hatte, um Reklame für diese Ausstellung zu machen, ein Video mit ein paar Bildern, unter anderen dem Bild der fliegenden, von hinten gesehenen nackten Schlafenden in Facebook veröffentlicht, worauf das Video von Facebook gesperrt wurde, weil es pornographisch sei. Erst nach Rücksprache durch den Leiter des Picassomuseums mit Facebook und die Betonung, dass es doch ein bekanntes und ehrenwertes Kunstwerk sei, wurde das Video wieder geöffnet.

Im Anschluss an diese Führung durch die Chagall-Ausstellung gingen alle, bestens in die Chagallschen Werke eingeführt und über ihn und sein Werk gut unterrichtet, zum gemeinsamen Mittagsmahl in das Lokal „La Californie“ im Picassomuseum. Dann blieb noch Zeit für einen privaten Besuch der gesamten Ausstellung, denn eine Führung beinhaltet ja meistens eine Auswahl von einigen Bildern und deren Interpretation.
Nach einem nochmaligen Treffen zum gemeinsamen Kaffee gingen einige Unentwegte noch in die benachbarte ehemalige Dominikanerkirche an der Salzstraße in Münster, um dort das „richtersche“ Foucautsche Pendel in der Mitte der Kirche anzusehen, bevor man die Heimreise antrat.

Konrad Dahlmann

Nach oben